Spurensuche

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Friedrichstraße gehörte noch vor wenigen Jahrzehnten zu den Pracht- und Renommierstraßen Elberfelds. Tauchen wir ein bisschen tiefer ein die Wuppertaler Stadtgeschichte, dann erklärt sich die ehemalige Bedeutung der Friedrichstraße als bedeutende Wohn- und Einkaufsstraße.

Mitte des 19 Jahrhunderts galten Bahnhöfe als „Tore zur Welt“ und bildeten das Zentrum einer jeden Stadt. Die innerstädtische Struktur des Straßennetzes wurde so angelegt, dass es auf den jeweiligen Hauptbahnhof zulief. Doch in Elberfeld gab es eine Besonderheit, denn hier gab es im 19. Jahrhundert nicht etwa einen, sondern gleich zwei „Hauptbahnhöfe“. Da zwei konkurrierende Bahnstrecken von etwa gleicher Bedeutung existierten, nämlich die noch heute existierende Bahnstrecke am Döppersberg, und die damals nicht weniger wichtige „Rheinische Strecke“ im Norden der Stadt, gab es auch zwei „Hauptbahnhöfe“: Den Bahnhof Döppersberg ( eröffnet 1848 ), und den Bahnhof Mirke ( eröffnet 1882 ). Letzterer wurde damals auf die „grüne Wiese“ gebaut, wie das folgende zeitgenössische Foto beweist:
Mirker Bahnhof Weit und breit ist rund um den Mirker Bahnhof kein Haus zu sehen. Die Nordstraße existiere als matschiger Feldweg. Von der Neuen Friedrichstraße noch keine Spur. Die geschlossene Bebauung der Elberfelder Nordstadt reichte Mitte des 19. Jahrhunderts nur etwa bis zur Albrechtstraße. Die Kreuzkirche, die heute das nördliche Ende der Friedrichstraße markiert und 1850 eingeweiht wurde, entstand auf einem Acker! Die Friedrichstraße war damals nicht mehr als ein Schotterweg, der vor der Kreuzkirche endete.
Doch nach der Fertigstellung des Mirker Bahnhofs und der Einweihung der „Rheinischen Strecke“ sollte sich das rasch ändern: Die Friedrichstraße stellt die direkte Verbindung zwischen den beiden Wuppertaler „Hauptbahnhöfen“ dar. Als wichtige Zubringerstraße zum Mirker Bahnhof wurde sie schnell ausgebaut, bis zum Bahnhof als „Neue Friedrichstraße“ verlängert und kurze Zeit später gepflastert.

Friedrichstraße Doch die Friedrichstraße war nicht nur die direkte Verbindung zwischen den beiden wichtigsten Verkehrs-Knotenpunkten Elberfelds sondern sie nahm ihren Ausgang auf dem Marktplatz - dem zentralen Umschlagplatz für Produkte aus der Region. Die städtebauliche Bedeutung des Marktplatzes wird nicht zuletzt daran deutlich, dass dort einige Jahre später das Elberfelder Rathaus gebaut wurde. Für die Friedrichstraße heißt das: Sie beginnt am damaligen Einkaufszentrum Elberfelds – dem Markt -, und liegt zugleich am politischen Zentrum der Stadt, nämlich dem Elberfelder Rathaus. Und sie endet an der wichtigsten Kirche der Nordstadt – der Kreuzkirche.
Diese zentrale Lage in Elberfeld bedeutete für die Friedrichstraße, dass sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts schnell entwickelt: Neue Gebäude werden errichtet, die Straßenbahn fährt durch die Straße und zahlreiche Geschäfte eröffnen in den Häusern Parterre ihre Pforten. Die Friedrichstraße mausert sich Anfang des 20.Jahrhunderts zu einer bedeutenden Pracht- und Renommierstraßen Elberfelds, in der sich nicht nur gut wohnen, sondern auch gut einkaufen lässt...

Doch zwei städteplanerische Entwicklungen machen der Friedrichstraße seit einigen Jahren zu schaffen: Nicht nur, dass die „Rheinische Strecke“ stillgelegt und der Mirker Bahnhof geschlossen wurde, auch dem zunehmenden Autoverkehr in Elberfeld muss die Friedrichstraße Tribut zollen: Zu eng ist die Bebauung, als dass sie ihrer Funktion als einer „Hauptstraße“ Elberfelds angesichts des rasant wachsenden Autoaufkommens gerecht werden könnte. Der Autoverkehr erschließt sich neue, breitere Hauptstraßen. Die Folge: Der untere Teil der Friedrichstraße – vom Neumarkt bis zur Karlstraße – wird zur Fußgängerzone umgewandelt, und der obere Teil mutiert von einer Haupt- zu einer Nebenstraße. Folglich muss sich die Friedrichstraße heute der Herausforderung stellen, den Strukturwandel von einer ehemaligen Hauptstraße hin zu einer charmanten und wichtigen Geschäfts- und Wohnstraße im Herzen Elberfelds zu vollziehen.